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Hartmut Bohme

Eine Reise in das Innere der Körper und darüber hinaus. Die Kunst der Alicja Zebrowska

Steinerung : Der Ritus von Sterben und Wiedergeburt
Eine wichtiges Projekt, in der die Arbeit in Natur–Materialien und die selbstexplorative body Art sich unmittelbar verknüpfen, ist die Aktion „Steinerung” (1993). Alicja Zebrowska schuf hier einen ausgehöhlten Sandsteinblock von zwei Metern Länge und 60 cm Höhe wie Breite. In Längsrichtung wurde er geteilt und der obere Teil in ach Quer–Segmente zerlegt. Der Stein wurde nicht geschiffen, sondern relativ roh belassen. Das Zerlegen erfolge nicht durch glatte Schnitte, sondern durch Spaltungen. So entstand ein archaischer Sarkophag.
Tatsächlich erfüllte der Steinblock diese Funktion im wörtlichen Sinn: er fraß Fleisch – nämlich den Leib der Künstlerin. Alicja Zebrowska wurde nackt in den Sarkophag gebettet; dann wurde der Steinsarg sukzessive mit den Deckelsegmenten geschlossen. Der Zeitrahmen der Aktion wurde durch einen physikalischen Prozess determiniert: der Sarkophag wurde zuvor auf die menschliche Körpertemperatur von 37oC erwärmt. Die Aktion wurde beendet und die Künstlerin aus dem Steingrab wieder Befreit, als die Temperatur des Steins unter 36oC gesunken war (nach ca. 30 Minuten). Das ’Werk’ ist nicht das Steingrab, sondern die Aktion, während derer die Künstlerin im Stein bestattet wird, begaben liegt, befreit wird.
Alicja Zebrowska setzt sich hier der Erfahrung des „Kleinen Todes”, aus, wie er in Riten vieler Kulturen geüt wurde, aber auch in der Alchemie – in der Bezeichnung der Nigredo – der Schwärzung – eine bedeutende Rolle spielte. Es ist indessen nicht nur die Aussetzung in die Schwärze des Todes, dem Dunkel vor der Geburt und vor aller Schöpfung, sondern auch: die symbolische Rückverwandlung ins Anorganische. Der Stein, der Fleisch frißt (=griechisch: Sarkophag), verwandelt das Fleisch in Stein: gewissermaßen macht sich Alicja Zebrowska zum Fossil, zu einer Versteinerung. Sie setzt ihren organischem Leib, den Leib des Eros, genau dem aus, was Sigmund Freud als den Todestrieb bezeichnete: Rückkehr ins Anorganische.
Stein ist für den Menschenleib das absolut Entgegengesetzte. Doch kennen wir Mythen, bei denen es gerade Steine sind, aus denen das Menschengeschlecht geschaffen wurde. Ich erinnere an die griechische Variante der Sintflut–Sage: Deukalion und Pyrrha, das einzig überlebende Paar, muss auf Geheiß des Orakels in einem sakralen Opferritus über ihre Schultern nach rückwärts Steine werfen, aus denen das neue Menschengeschlecht erwAchst. Deswegen nennen z.B. Pindar oder noch Ovid die Menschen das „harte Geschlecht” (genus durum). Und beinahe weltweit verbreitet sind die Geschichten, in denen einzelne Menschen ein „Steinherz” aufweisen, worin sich ihre Kälte und Mitleidlosigkeit ausdrückt. Viele Mythen kreisen darum, daß steinerne Statuen zu leben beginnen – und seit Pygmalion ist dies zum Traum aller Kunst geworden: aus Stein ein Werk zu schaffen, das lebt. Kunst ist animation. Der Ritus, den Alicja Zebrowska hier vollzieht, weiß aber davon, daß Animation immer Re–Animation immer Re-Animation ist, d.h. ihr muß eine Mortifikation vorausgehen (wie bei der sintflut). Im gewöhnlichen. Leben nennen wir dies: die Erfahrung einer Krise durchleben. Kunst ist beides: eine Animation, die an die Bedingung der Mortifikation gebunden ist. Dies heißt: nur wer bereit ist, durch den Tod (die Nigredo) zu gehen, kann jenes Wunders teilhaftig werden, das die Kunst immer wieder vollbringt, wenn sie den Produzenten oder Rezipienten in die Evidenz des Lebendigen versetzt. Die Rückkehr auf das Niveau des Steinernen und Erstarrten, die symbolische Mortifikation, ist die Bedingung der Animation, die uns wieder anschließt an die anima mundi, den Hauch des Lebens.
Es sind zwei Momente, die in dieser Installation die Verbindung zum Leben halten. Das ist eben der Hauch, die anima, das Atmen; und es ist die Wärme. Eingeschlossen in den Stein–Uterus, liegt die Künstlerin, nackt und bloß wie ein Ungeborenes, von der Wärme des Menschlichen umhüllt, Und sie spürt, losgekappt von allen sensomotorischen Reizen, jene Fundamental–Rhythmik des Lebens, Systole und Diastole, das Ein–und Ausatmen, welches Goethe als Grundpolarität des Organischen erkannte. Diese beiden Momente – die ich die symbolischen Nabelschnüre nennen möchte – lassen die Aktion insgesammt zu einem Ritus von Sterben und (Wieder-) Geburt werden. Beides zusammen bildet erst das aus, was wir Leben nennen. So ist das ritualle Sterben der Künstlerin ein Versuch, sich vom Grund her dem Leben (wieder) zu verbinden.
Sigmund Freud, sagten wir, hatte die Rückkehr ins Anorganische als Todestrieb bezeichnet. Der Todestrieb stellt in seinem Werk vielleicht das Rätselhafteste und Anstößigste dar. Vermutlich ist dieser Gedanke nicht nur der Einsicht in die Rhythmik von Animation und Mortifikation geschuldet, sondern von ferne her beeinflußt von einer Idee, die das Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr faszinierte: das Gesetz der Entropie, des Kältetodes. Das ästhetische Experiment von alicja Zebrowska nimmt auch darauf Bezug. Die Aufwärmung des Sarkophags auf menschliche Körpertemperatur – wodurch er erst zum Uterus und nicht zum Fleischfresser wird – und seine Abkühlung zeigen, daß alle materiellen und symbolischen Prozeduren, die wir unternehmen, und vor allem der Lebensrhythmus von Animation un Mortifikation an eine Zirlulation von energien gebunden ist, die jenen ’Hintergrund’ von Wärme herstellt, ohne den überhaupt nichts zu leben vermag. Wenn in der Installation jenes Niveau von ’Wärme’ jedoch natürlichweise fällt, so führt das nicht nur das ’Ende’ der Aktion herbei (und die ’Wiedergeburt’ der Künstlerin), sondern dies erinnert auch symbolisch an das entropische Ende, an welchem alle Energie in nicht rückverwandelbarer Form gebunden ist: das wäre der Kältetod.
Für Alicja Zebrowska ist charakteristisch, daß sie hier body art mit kosmologischen Dimensionen und anthropologischen Grenzerfahrungen verbindet. So war auch die Installation „Trans–Fero” in den Maßen menschlicher Semiose, eine Auseindersetzung mit den Tiefendimensionen der Erd–Zeit. Man darf sich hier an Novalis erinnern, für den die romantische Kunst darin bestand, diese Korrespondenzen zwischen leiblichem Näheraum und kosmischen Raum, zwischen Mikrozeit zur Weltzeit zu explorieren. Deswegen konnte Novalis jenes seltsame Diktum formulieren, wonach der Körper auch ein „Cosmometer” sei. Dies könnte auch die Überschrift zu einigen Installtionen von Alicja Zebrowska bilden.
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